Robinson fand sich letzthin wieder einmal furchtbar inkonsequent. Obwohl ihm die FDP ein Gräuel ist, würde er sich ja als Liberaler, bezeichnen. Als einer, dem Freiheit wichtig ist. Einer, der es doof findet, wenn alles vorgeschrieben, und vorreglementiert ist. Denn man ist kreativer und fühlt sich wohler, wenn man selber entscheiden darf, was man mit seinem Leben anstellt. Beispiele, weshalb sich Robinson meist als Liberalen bezeichnet, sind:

  • Er findet Botellones nichts, was den Staat in irgend einer Weise was angeht. Menschen ab 16 oder spätestens ab 18 haben nun einmal das Recht, sich zu treffen und zu trinken.
  • Er findet, Offroader-Fahrer sind schampar unvernünftig und dürften gerne via Portemonnaie (zusätzliche Treibstoffabgaben, Extra-Steuern für die Spritsäufer) ein bisschen für ihre Unvernunft bestraft werden. Aber gleich verbieten muss man diese Karrossen ja nun wirklich nicht. Nur unattraktiv machen sollte man sie, damit die Leute (den Glauben an) die Wahlfreiheit behalten können.
  • Er findet, Kiffen ist ganz und gar nicht gut für Körper und Geist, was aber noch lange kein Grund ist, alle therapeutischen und freizeitlichen Anwendungen dieser Substanz gleich zu verbieten.
  • Er sieht keinen rationalen Grund, wieso Schwule und Lesben nicht heiraten und adoptieren dürfen.
  • Er findet, es ist ein Zeichen von unglaublichem Kleingeist, wenn die Stadt Zürich keine Sonderbewilligungen für Freiluftbetriebe während und nach der Streetparade erteilt.
  • Und für die bereits stattgefundenen Liberalisierungen ist er äusserst dankbar: Es ist erlaubt, ohne zu heiraten Sex zu haben oder – Schock schwerenot – in einer WG zu leben. Es ist heute erlaubt, Bundesräte und andere Möchtegerns zu kritisieren, Mohammed zu karikieren, ja sogar John McCain’s Wahlsieg herbeisehnen darf man (obschon niemand bei rechtem Verstand so etwas tun würde); es ist auch erlaubt, naja, was halt heute alles so erlaubt ist und früher nicht war.

Aber jetzt passierte das: Da darf sein neuer Wohnkanton, nennen wir ihn mal der Tarnung halber Zürich, da darf sein neuer Kanton also darüber abstimmen, ob die Gesetze übers Rauchen in öffentlichen Räumen so bleiben sollen, wie sie sind, ob sie verschärft werden sollen, oder ob sie nur scheinbar verschärft werden sollen. Drei Alternativen also. Erläuterung:

  1. Heute dürfen alle Lokale ihren Gästen erlauben, nach belieben zu rauchen.
  2. Mit der Initiative „Schutz vor Passivrauchen“ würden die Wirte gezwungen, entweder den ganzen Innenbereich ihres Lokals rauchfrei zu machen, oder zumindest die Rauchenden in ein gut belüftetes Fumoir zu verbannen, wo nicht serviert wird.
  3. Mit dem Gegenvorschlag zur Initiative gilt das Gleiche wie bei der Initiative, aber wenn das Lokal weniger als 35 Plätze hat, darf darin immer noch geraucht werden, auch ohne Fumoir. Ausserdem darf das Service-Personal in den Fumoirs immer noch arbeiten und in Festzelten darf sowieso jeder alles.

Und jetzt kommt der ach so liberale Robinson und findet: Alles andere als die Initiative ist unhaltbar und dem Jahre 2008 nicht würdig. Natürlich kann man gemeinerweise sagen: Jeder sucht sich selber aus, wo und mit wem er isst und trinkt, und jede sucht sich selber ihre Arbeitsstelle aus. Und deshalb können Wirte ein Raucher- oder ein Nichtraucherlokal führen, ganz wie es ihnen beliebt. Wem’s nicht passt, muss nicht kommen.

Stimmt, aber Robinson will trotzdem einen Schutz vor Passivrauch. Nicht nur, weil gerade im Service die Leute wohl lieber den Job nehmen, den sie kriegen als den, welchen sie wirklich wollen. Sondern auch weil Nichtraucher mit rauchenden immer und konsequenterweise den kürzeren Ziehen. Wenn’s ums Essen geht, kommt eine Raucherin vielleicht noch mit ins rauchfreie Restaurant, aber spätestens beim Trink- und Quatsch-Ausgang werden rauchfreie Bars von Rauchenden gemieden wie SVP-Versammlungen von asylbewerbenden Roma. Da ist dann nichts mehr mit gegenseitiger Rücksichtnahme – die Rücksicht nimmt dann genau eine Seite, nämlich die der Nichtraucher.

Wer schon einmal mit einem Kollegen eins ziehen gegangen ist – einer ist Raucher, der andere Nichtraucher – hat das vermutlich schon erlebt:

Raucher: „Stört’s dich, wenn ich eins rauche?“

Nichtraucher: „Nein, mich doch nicht. Wo denkst du auch hin? Mich stören? Ach was. Kirchenglocken, bellende Hunde, spielende Kinder, meinetwegen, die stören wirklich. Aber eine mickrige Zigarette?“

Nun, liebe Raucher, jetzt folgt eine vielleicht unangenehme, aber hundert prozent wahre Offenbarung: Die Nichtraucher sind ein echt unehrlicher Haufen. Ja wirklich, die sagen die Unwahrheit. Und zwar immer dann, wenn ein Raucher sie fragt, ob sie durch dessen Rauch gestört seien. Natürlich sind sie das, und es ist eine verdammte Frechheit, überhaupt so suggestiv zu fragen, ob es denn sein könnte, dass der Rauch vielleicht gar nicht so stört! Die Lüge ist pure Höflichkeit und selbskasteiende Friedensliebe seitens der Nichtraucher.

So jetzt ist’s raus. Und die Schlussfolgerung? Robinson ist doch nicht so liberal, wie er’s gerne wäre. Nicht in diesem Fall. Denn es braucht schlicht und einfach ein Verbot des Rauchens in allen Räumen, in denen Nichtraucher dem Gift ausgesetzt sein könnten. Also nicht nur im Club, an der Bar, im Restaurant. Auch im Auto oder zu Hause, wenn Kinder oder erwachsene Nichtraucher zugegen sind.

Bei lügenden erwachsenen Nichtrauchern kann man vielleicht noch sagen: „Na wenn die wirklich lieber lügen, als zu sagen, dass der Rauch stört, haben sie auch nichts anderes verdient, als durch Passivrauch an Lungenkrebs zu sterben“. Obschon Robinson das Todesurteil für eine simple Lüge dem Frieden zuliebe eine etwas harsche Strafe findet, kann er diesem Argument folgen. Trotzdem: Robinson möchte lieber in einer Gesellschaft leben, wo die Rechte der Vernünftigen absoluten und unhinterfragten Vorrang über die Rechte der Unvernünftigen haben. Ist denn das zu viel verlangt?