«Pipollina war frech genug anzunehmen, ich hätte Macken! Pa! Als ob! Robinson und… Hmmm…», wurde Robinson nachdenklich. Könnte es denn sein, dass auch Aus- und Einwanderer wie er Macken haben? Würde es verstanden, wenn er sich einfach weigerte, das Stöckchen aufzufangen? Wird Hillary Clinton die erste Präsidentin der USA? Und: Gibt es wirklich schwule Delfine? «Nicht ablenken!», kreischt Pipollina den armen Robinson an. Wie immer, wenn er denken muss, zieht er sich aufs Klo zurück, und beginnt, sich ehrlich nach seinen Macken auszufragen.

 

 

«Meine schlimmste Macke:»

schreibt er sorgfältig auf, «Besserwisserei. Das ist die einzige Macke auf dieser Liste, die mir auch schon vorgeworfen worden ist. Ich weiss ja dass es unangenehm ist, auf Denkfehler und Falschinformationen hingewiesen zu werden. Und doch: Ich zeige damit ja nur, dass ich ein guter und ehrlicher Freund bin, der Unwissenheit mit der Weisheit, die ich mit Löffeln gegessen habe, zu ersetzen versucht», rechtfertigt sich Robinson. «Soll ich denn Unwahrheiten einfach überleben und sich vermehren lassen? Niemals! Immer werde ich mein Informations-Insektizid gegen das Desinformations-Ungeziefer sprayen, koste es was es wolle!» Robinson erschrickt ab seiner eigenen Radikalität, und wendet sich lieber der nächsten, zweitschlimmsten Macke zu…

 

 

«Meine zweitschlimmste Macke:

Ungeduld. Die habe ich eigentlich gar nicht; im Gegenteil, ich bin relativ gut im Warten. Aber wenn mich potentielle Arbeitgeber nach Stärken und Schwächen fragen, sage ich bei den Schwächen immer ‘Ungeduld’, weil das ja irgendwie positiv fürs Geschäft sein kann. Ehrlicherweise müsste meine zweitschlimmste Macke wohl eher heissen: ‘Nicht über jeden Zweifel erhabene Ehrlichkeit’. Aber das ist zu lang. Und zu ehrlich. Passt nicht zu mir.

 

 

Meine potentiell peinlichste Macke:

Ich hoffe die wird nie jemand herausfinden, sonst muss ich leider in der Erde versinken.» Robinson hält sich für ganz besonders schlau, so ums Niederschreiben seiner Macke herumgekommen zu sein, ohne zu suggerieren, es sei keine da.

 

 

«Meine fast vergessene und doch immer wieder erinnerte Macke:

Nasebohren. Speziell wenn ich nicht weiss wohin mit dem Popel. Essen ist ja eigentlich die sauberste Lösung, und als Kind wandte ich diese Art der Beweismittelvernichtung gerne immer mal wieder an. Heute bevorzuge ich abstreichen. Wenn an einem Stuhl, etwa in der Schule und später an der Uni, bereits etliche Kaugummis kleben, kommt’s ja auf mein Bergbau-Nebenprodukt auch nicht mehr an. Hingegen mache ich nicht gerne Dinge dreckig, die bisher sauber waren. So bleibt mir dann wiederum nur das Runterschlucken.

Igitt!», entfährt es Robinson. «Da kommen mir ja Dinge in den Sinn, die ich nicht mal von mir selbst wusste.» Er möchte beschwichtigen: «Keine Angst, bei mir zu Hause kleben weder Kaugummis noch Popel. Hier habe ich eine gute Infrastruktur, um alle Nebenprodukte des Lebens in hygienischer Weise zu entsorgen. Und heute habe ich das Bohren mehr oder weniger mit Schneuzen ersetzt.

 

 

Meine unglaublichste Macke:

Ganz ehrlich: Ich bin der irrigen und sinnlosen Annahme verfallen, es gäbe linke und rechte Socken. Wenn ich mich morgens also anziehe, halte ich je eine Socke in beiden Händen und lasse sie locker herunterbaumeln. Wenn’s nun nicht ganz eindeutig aussieht, welche Socke an welchen Fuss kommt, helfe ich mit Schütteln manchmal nach. Wenn es immer noch, sagen wir, nach zwei linken Socken aussieht, ziehe ich links die Socke an, die noch linker aussieht als die andere. Rechts kommt dann die andere linke Socke hin. Wenn das nun nicht unglaublich ist!» Der Autor möchte hinzufügen: Robinson hat diese Macke wirklich. Und er weiss wie verrückt sie ist. Er hält sie aber für so harmlos, dass er sie getrost behalten kann.

 

 

«Meine kränkste Macke:

Furzen.» Robinson weiss, dass Furzen keine Krankheit ist. Aber er meint, mehr Darmwinde von sich geben zu müssen als andere. Und da schützt er sich gerne mal mit der Behauptung, sein Körper sei nun mal so gebaut, dass er überdurchschnittlich viel Gas produziert, und das sei ein Fall für die Medizin. Dass er auch einfach aufhören könnte, Knoblauch und dergleichen zu essen, kommt ihm zwar in den Sinn, aber er hofft, dass niemand das von ihm erwartet. Er mag Knoblauch nämlich.

 

 

«Meine aktuellste Macke:

Schreiben in der dritten Person», sagt Robinson augenzwinkernd. «Das hat doch irgendwie Stil oder?» Der Autor muss ihm vorbehaltlos zustimmen.

 

 

«Meine phasenweise Macke:

Beat Boxen, herumtrommeln, mit dem rechten Bein zappeln, vorgeben ich hätte Rhythmus. Beat Boxen ist kein Kampfsport. Es ist die Formung rhythmischer Geräusche durch den Mund,» erklärt Robinson geduldig. Dass seine Variante des Beat Boxens wohl nur für diejenigen Zuhörer gut tönt, die sich in seinem Kopf befinden, ist ihm wohl noch nie in den Sinn gekommen.

 

 

«Meine nützlichste Macke:

Gesundheitsbewusstsein. Dann lacht ihr mich halt aus, wenn ich zu den Maggi-Spaghetti ein Rüebli serviere. Es muss eben sein. Sonst wäre es ja keine Macke.

 

 

Meine Lieblingsmacke:

Träumen. Vom Fliegenlernen. Von der Weltumseglung. Vom Reichsein.» Robinson schaut seine Antwort auf die Frage der Lieblingsmacken noch einmal an, und beschliesst: Seine Antwort war zu passiv. Er versucht’s noch einmal: «Träume umsetzen: Leben am andern Ende der Welt.» Nochmals fährt sein Blick kritisch über das Geschriebene. «Soll das denn überhaupt eine Macke sein?»

 

Denkpause.

 

«Da ist sie! Die Macke, die ich einfach nur gern habe, die aber nicht wirklich gesellschaftsfähig ist: In den unmöglichsten Verrenkungen am Tisch sitzen.» Ja, das ist sie. Ist schon vorgekommen, dass Robinson irgendwo zu Gast war, und die Gastgeber haben ihren eigenen Kindern gesagt, sie sollen sich gefälligst anständig hinsetzen. Was Robinson dann sogleich auf sich selbst bezog, und den Schneidersitz auflöste.

 

 

Robinson erhebt sich, drückt die Spülung, wäscht sich die Hände, und proklamiert feierlich: «Dieses Stöckchen geht weiter an Mawalt».