November 2006


Robinson ist zurück von seinen Blog-Ferien. Er sitzt in einem bequemen Sessel, den Kopf nach hinten in seine Hände gelehnt. «Ja», sagt er sich zufrieden: «Ich habe den Urlaub genossen». Und in der Tat graut es ihn sogar ein wenig vor der verantwortungsvollen Arbeit, die auf ihn zukommt, wenn er das Blog Schreiben wieder aufnimmt. Aber es geht nicht anders: Er kann nicht ständig im Leben stehen und nie etwas davon (also vom Leben) in der Öffentlichkeit durchanalysieren.

Heute analysiert Robinson seine Ferien durch. Er schliesst die Augen und wartet auf Eingebung, was er in den Blog-Ferien so gemacht hat. Also da ist erst einmal die Arbeit. Er hat ja jetzt vom Broadcast Monitor zum Broadcast Editor gewechselt. Bis anhin hörte und schaute Robinson Radio und TV und fasste den Inhalt zusammen. Neu ist er derjenige, der die Zusammenfassungen auf den Bildschirm kriegt und entscheidet, welche Geschichten an welche Kunden weitergeleitet werden. Eigentlich bereut er den Schritt ein klein wenig. Der Lohn ist zwar höher, aber dafür ist auch die Arbeitsintensität gestiegen und das Unterhaltungselement, das beim Medienkonsum mitschwingt, ist verloren gegangen. Aber es gibt auch Lichtblicke. Zum Beispiel rief er heute einen Drucker-Hersteller an, dessen Namen ein H und ein P enthält, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass soeben jemand auf der grössten privaten Radio-Station Australiens angerufen hat und sich darüber beschwerte, dass er (also der Hersteller) ihm (also dem Anrufer) einen defekten Drucker nicht ersetzen will.

Als Robinson erfuhr, dass die Drucker-Firma dank seiner Arbeit sowohl mit der Radio-Station als auch mit dem unzufriedenen Kunden in Kontakt getreten ist und so der öffentlichen Zerfleischung gerade noch entkommen konnte, wurde ihm (also Robinson) bewusst, dass es einen Unterschied macht, ob er arbeitet oder nicht. Das war ziemlich befriedigend.

Überhaupt findet Robinson das hiesige Mediensystem unglaublich interessant. Als ehemaliger Medienwissenschafts-Student, hält er es für lohnenswert, mal die Unterschiede zwischen den australischen und dem schweizerischen Medien zu untersuchen. Ohne in wissenschaftliche Tiefen zu gehen, hier ein kleiner Abriss über seine Feststellungen:

Die Medien (Print, Radio und TV) gehören grösstenteils drei grossen Medienhäusern: Publishing and Broadcasting Limited (PBL), John Fairfax Media und News Corporation (gehört dem guten alten, oder jedenfalls alten, Medienmogul Rupert Murdoch, amerikanischer Ex-Aussie). Es bestehen Sorgen, dass Medienvielfalt immer mehr verschwindet.

Talkback-Radio ist in der Schweiz so gut wie unbekannt; in Australien ist es das bedeutendste Element politischer Macht der Medien. Talkback heisst Leute können anrufen und über alles Mögliche und Unmögliche ihren Senf abgeben – sie können sich zum Beispiel über einen kaputten Drucker beschweren. So demokratisch Talkback auch tönen mag, es kann von gewieften Radiomoderatoren dazu genutzt werden, ihre eigenen Kampagnen zu betreiben. Zu einer regelrechten Kunstform haben es die rechtslastigen 2GB-Hosts Alan Jones, Ray Hadley, Jason Morrison und Chris Smith gebracht: Ihr Rezept besteht darin, eine Schock-Story aus dem Daily Telegraph (etwas wie der Blick, aber mehr ernste Stories in unseriöser Art und Weise aufbereitet) zu nehmen, ihre eigene Meinung laut und deutlich zu verbreiten und mit einer konkreten Forderung zu verbinden, und dann die Zuhörer aufzufordern, diese Meinung und die Forderung per Telefon am Radio zu wiederholen. Man nennt diese Moderatoren auch Shock Jocks, und die können ziemlich zermürbend sein, wenn man ihnen zuhören muss und anderer Meinung ist.

Öffentlich-rechtliches Fernsehen in Australien findet Robinson exzellent: Das Programm auf höchstem Niveau. So gibt es etwa Sendungen wie Deal or No Deal, aber die laufen nur auf privaten Stationen, nicht am Gebühren-TV. Kommt hinzu, dass es auf ABC (öffentliches Mainstream-TV) gar keine Werbung hat, und auf SBS (öffentliches Spezial-TV, etwa vergleichbar mit Arte) nur zwischen den Programmen, nicht mittendrin. Privates TV ist ein wenig durchzogen, es zeigt zum Teil zweifelhafte Aktualitätssendungen, doch man muss den Sendern zugute halten, dass sie Geld in die Produktion heimischer Filme und Serien stecken.

Womit Robinson bei den Kino-Filmen landet, die fast immer ein beachtliches Niveau haben. Kinos, die Hollywood-Mainstream zeigen, haben Erfolg. Solche die heimische Filme zeigen haben auch Erfolg. Warum? Weil sie nicht einfach nur «gut» sind, damit sie den Kritikern gefallen, sondern weil sie auch unterhalten und somit dem Publikum gefallen.

Zu den Zeitungen und Zeitschriften hat Robinson Folgendes mitzuteilen: Es gibt Lokalzeitungen und Zeitungen mit nationaler Ausstrahlung. Eine Lokalzeitung käme hier nicht auf die Idee, nationale oder internationale Ereignisse zu dokumentieren. Lokalzeitungen sind generell gratis. Die «ernsthaften», also regional-nationalen, Printmedien gehören den grossen drei Medienhäusern, wobei Murdoch’s Presse am konservativsten ist. Immerhin hat Rupert letzthin beschlossen, die Erderwärmung vom Gerücht zur Tatsache zu befördern.

Zu guter Letzt noch das Internet. Wie überall auf der Welt bietet es auch in Australien die grössten Innovationen im Medienbereich, sinniert Robinson. Zwei Seiten bieten Qualitätsjournalismus online: http://www.crikey.com.au/, macht mehr newsige Analysen, und http://www.onlineopinion.com.au/ geht in Richtung Elite-Diskurs.

Eigentlich wollte Robinson noch mehr von seinen Blog-Ferien erzählen. Aber der Eintrag ist bereits so lang geraten, dass er das auf später verschiebt.

«Weisst du Kumpel, ich habe nichts gegen das, was meine Verwandten in Sydney machen. Aber ich bin gegen das System. Ich bin nicht einverstanden damit, Steuern von den Leuten zu nehmen und dann Soldaten nach Übersee zu schicken. Dafür bin ich ganz und gar nicht zu gewinnen. Wenn ein Teil ihrer Steuern also zu mir kommt und mir mein Essen bezahlt, brauche ich kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich schulde dieser Gesellschaft überhaupt nichts.»