März 2006


Diese Worte hat Robinson schon lange nicht mehr ausgesprochen, doch jetzt ist es wieder so weit: Endlich Wochenende! Wer eine Zeit lang keiner regelmässigen Arbeit nachgegangen ist, hat anfangs Mühe, wieder in einen Rhythmus zu kommen. Kommt erschwerend hinzu, dass die neue Arbeit als Secondhand-Journalist bislang mal um neun, mal um acht und mal um sechs Uhr begann.

Es ist ja schon interessant, von Berufs wegen immer auf dem neusten Stand zu sein. Doch die Arbeit hat auch ihre Tücken und schleift arg an den Nerven, beklagt sich unser Auswanderer. Denn die Deadlines sind, Vorsicht Wortspiel, «deadly». Um, sagen wir, eine halbe Stunde Frühstückssendung in einer halben Stunde zusammenzufassen, muss man die Abspielgeschwindigkeit der Sendung etwa auf 156 Prozent haben. Das heisst, man hört sich die Sendung viel schneller an, als sie gesendet wurde, und natürlich sind die Stimmen der Leute verschlumpft und ver-Donald-Duck-t. Und was macht es im Kopf nach Feierabend? Genau, Robinsons eigene Gedanken klingen auch wie Donald Duck und sie sind irgendwie schneller. Es fällt Robinson schwer, zu erklären, was er meint, ohne von den «Stimmen im Kopf» zu schreiben, was ihn in den Dunstkreis der Verrücktheit bringen würde. Nun jedenfalls findet er es schwierig, von den hypernervösen Radioprogrammen auf Speed abzuschalten. Und es kommt ihm irgendwie komisch rein, dass er eine Frühstückssendung von A bis Z aufmerksam durchhören kann, ohne danach fähig zu sein, die Stimme des Moderators zu erkennen, wenn er ihm auf der Strasse begegnete.

And now to something completely different: Auf diesem Blog hat unser Auswanderer ja bereits einmal über den neuen Tourismus-Werbespot «Where the bloody hell are you?» berichtet. Die Geschichte hat inzwischen eine Fortsetzung. Die Pommies haben sich davon überzeugen lassen, dass das Wort «bloody» witzig ist und kein richtiges Fluchwort, und dass es auf jedenfall freundlich gemeint und sehr australisch ist. Dazu musste die Tourismus-Ministerin und die Bikini-Hauptdarstellerin extra in Kleinbritannien vorsprechen.

Jetzt haben sich die Kanadier beklagt. Nicht wegen «bloody hell» aber wegen des Spruchs «wir haben das Bier für dich kaltgestellt». Man dürfe Alkohol zur Sendezeit von Familienprogrammen nicht so einfach mir nichts dir nichts als harmloses Alltagskonsumgut darstellen. Die Aussies begegnen dieser Kritik pragmatisch: Der Bier-Spruch wird ersetzt durch irgendwas anderes, es heisst es seien genügend witzige Sprüche im Köcher.

Und zuletzt hat sich auch noch eine evangelikal-konservative Elterngruppe von Amis zusammengetan, die den Spot insgesamt für nicht familientauglich hält. Fortsetzung folgt wahrscheinlich.

Übrigens beklagen sich einige Radiomoderatoren, dass es nun als rassistische Beleidigung gilt, an Cricket-Matches die Engländer mit «Pommy bastards» zu betiteln («Pom» für «Prisoner of Her Majesty», «bastard» für Bastard). Sie finden, der Ausdruck sei reine Freundlichkeit. Sie anerkennen aber, dass es rassistisch ist, Südafrikaner «Kaffer» zu nennen und würden das daher nie tun, womit Robinson völlig einverstanden ist. Scheints gibt es auch einen Ausdruck, den die Pommies für die Australier bereithalten, aber den haben sie am Radio nicht zu erwähnen gewagt…

Well really, Robinson is no longer very far away from feeling at home. He recognises that the main problem up to now was not that he was a stranger, but that he felt useless not having had any tasks to do on a daily basis. But now that there is something to do for him in his new country of residence, he feels needed and enthusiastically plunges himself into work. His superior’s remarks on how quick he got into the requested style of writing just add to his zeal, despite the fact that Robinson is not yet ready to summarise five minutes of news in five minutes.

Work is, up to now at least, equivalent to fun. Robinson loves dealing with news and current affairs and media and all that information that is thrown into peoples faces. And this is what he is working with. He summarises very briefly all news items that affect Australia (so no international stuff without Australian involvement), except sports, traffic, and weather. These latter kinds of news items are only summarised if a client of his employer requests summaries (Commonwealth Games), or if there is more to the weather than just weather (Cyclone Larry), more to the traffic than just traffic (Sydney Ferries strike), or more to sports than just sports (sale of the South Sydney Rugby League Club Rabbitohs to Russell Crowe and his mate).

Robinson not just summarises news but also talkback shows, where people can call in and give their statement about an issue that has been raised by the presenter. He doesn’t think that in Switzerland there are that many talkback shows, and those that exist are on a very low level. Robinson finds getting to know the opinions of everyday persons on current issues just as inspiring as the issues themselves.

The most important difference to working as a journalist, is that his job is no longer to inform the general public about what happened, but to inform clients (companies, politicians, parties, media, organisations and so on) about how they are portrayed in the media. Robinson can now omit information that he would otherwise have felt obliged to pass on. If a client wants to know more about a particular news item found in the summaries, he or she can order a full transcript from Robinson’s employer.

Our immigrant is very thankful that he got this job, and thinks this is a great opportunity to learn and grow. If he were ever to work as a journalist in Australia, this job will have prepared him well for that. Also, since he cannot think of a Swiss company that offers such media monitoring services, he is intrigued by the thought of starting such a business himself once without having to face much competition.

Mrs Robinson ärgert sich seit Tagen: Ihr Computer funktioniert nur noch halbpatzig. Somit ist die Gratis-Telefonie für einen Moment gestrichen. Aber für wie lange? Mr. Kolumbus, ihr Vater, hat ihr zum Glück versprochen, sein neues Schiff zu nehmen, vielleicht den Rest der Familie Kolumbus als Crew mitzunehmen und zu ihr zu segeln um das Computerproblem zu beheben. Somit können die beiden Auswanderer, Robinson und Mrs. Robinson aber nicht viel fleissiger telefonieren, denn Robinson arbeitet ja auf seiner Insel an seiner Behausung und stellt zudem viele Werkzeuge her, mit denen er plant, noch bessere Arbeit machen zu können. Mrs Robinson plagen gerade einige Dinge. Zum einen hat sich Freitag zwar als guten Freund herausgestellt, aber etwas unzivilisiert und rückständig findet sie ihn halt schon und andererseits sind in ihrer Gastwirtschaft, wo sie arbeitet, die Zustände kaum erträglich. Dauernd hängen da Betrunkene – auch Mitarbeitende – herum und wissen nicht, wie blöd sie sich benehmen wollen. Mrs Robinson hat sich dermassen geärgert am Freitag über Freitag, dass der Computer spinnt und über all die Betrunkenen in ihrem täglichen Umfeld, dass sie heute ziemliche Kopfschmerzen hatte. Zum Glück hat sie die Familie Kolumbus, die sie aufstellen und viele Freunde, die sie unterstützen wie Ehepaar Magellan, und Capt’n Cook mit Frau, der zwar gerade sein Schiff versenkt hat, aber seine verehrte Gattin hat zum Glück auch noch eines.

Mrs Robinson kann sich nicht dem Eindruck verwehren, dass Piraten auf ihren Computer Zugriff genommen haben, gibt sich aber Mühe, diesen Gedanken zu verdrängen. Sie hat ja Robinsons Tiger installiert, damit dieser Internetpiraterie auf ihrem Computer verhindert, mittels grausamem Auffressen.

So grübelt Mrs Robinson an ihrem Tag der Kopfschmerzen an ihrem Schicksal herum und wartet auf bessere Zeiten. Wer sich ab diesem Text etwas fragt, darf gerne Mrs Robinson anrufen und sie wird ihre verschlüsselten Worte erklären.

Einmal mehr verbrachte Robinson den ganzen Tag in seinem provisorischen Zuhause. Obwohl ihn solche Tage meist grantig machen, empfand er es diesmal als ein ganz angenehmer Umstand, dass er eine Bewerbung machen konnte, ohne dringend einen Job zu brauchen. Er will nur einfach eine noch bessere Arbeit. Und ausserdem regnete es draussen, also wo sollte er schon hin?

Diesen Blog-Eintrag hat Robinsons Erfinder in Englisch angefangen, aber weil er nicht wollte, dass der neue gegenwärtige Arbeitgeber seines fiktiven Protagonisten vielleicht draufkommt, dass der neue Angestellte schon wieder die Fühler ausstreckt, hat er es wieder gelöscht und schreibt nun in einer Sprache, von der er hofft, dass sie möglichst nicht verstanden wird.

Wie gesagt, es gibt da einen Job, den Robinson wirklich, wirklich will. Nämlich beim deutschsprachigen Aussie-Radio. Die Frau des Hauses, das er gerade bewohnt, ist zufälligerweise Journalistin bei einem anderen Radio, und konnte ihm Zeigen, wie sie eine Bewerbung machen würde, die die Verantwortlichen umhaut. Davon inspiriert, hat er sich extra Open Source-Software heruntergeladen, mit der man so etwas machen kann und verbrachte den ganzen Tag damit, das Programm des angepeilten Senders zu imitieren, und eigene Inhalte einzufüllen. Ob das Resultat wirklich umzuhauen vermag, darüber darf sich die geneigte Leserschaft gerne selber ein Bild machen. German Sample 1, German Sample 2, German Sample 3, English Sample

Robinson zweifelte erst, ob er den Journi-Job, sollte er ihn den angeboten erhalten, wirklich annehmen sollte, denn der Job ist nur teilzeit (Anfangs 16 Stunden die Woche). Sollte er nicht vielleicht doch vor allem auf Vollzeit gehen statt auf «das interessiert mich»? Doch die aktuelle Radiojournalistin hat ihn erfolgreich davon überzeugen können, diesen Job auf jeden Fall anzunehmen, aus drei Gründen: Erstens, wer die Möglichkeit hat, einen interessanten Job auszuüben, soll sie auch nutzen, denn viele wollen das und nur wenige können es. Wer solche Chancen vergibt, wird ein Leben lang bereuen, dem schnöden Mammon zuliebe sich selber verraten zu haben. Zweitens kann man einen Teilzeitjob mit anderen Tätigkeiten verbinden (z.B. Deutschnachhilfe o.ä.). Drittens, wenn man einen Fuss in die Tür eines Unternehmens kriegt, das einen interessiert, ist die Chance auch grösser, den zweiten Fuss ebenfalls dort hinein bringen zu können.

So, jetzt fängt die Wohnungssuche an. Scheinbar kriegt man für erschwingliche AUD 100-200 (etwa CHF 100-200) ein Studio oder eine 2-Zimmer-Wohnung (hier genannt 1-bedroom flat). Denn noch länger will Robinson seinen Gastgebern nicht mehr auf dem Portemonnaie hocken.

Morgen wird Robinson den Umstand feiern, dass er nun einen Job hat. Scheinbar haben die meisten Einwohner dieser Stadt noch nie ein Fondue gehabt. Das will Robinson nun ändern, indem er die Leute in ein Schweizer Restaurant einlädt. Ein Franzose führt den Laden, und er soll scheints einen zweifelhaften Ruf haben, was seine Freundlichkeit angeht (wer es nicht glaubt, soll sich mal diesen Link anschauen: http://www.eatability.com.au/au/sydney/eiger_swiss_restaurant.htm). Bin jedenfalls froh, im Voraus zu wissen, wie man sein Verhalten nehmen soll…

Heute war ein chaotischer Tag in Sydney. Der Tag startete mit Regen. Parramatta Road war entlang mehrerer Blocks gesperrt. Aus dieser Tatsache folgerte Robinson, dass es mehrere Unfälle gewesen sein müssen, die das Verkehrschaos verursachten. Gesehen hat er eine Unfallstelle, wo ein vermöbeltes Motorrad herumlag, daneben irgend etwas, das mit einem weissen Tuch zugedeckt war. Das machte Robinson ein etwas schlechtes Gewissen, denn während ein armer Teufel da bestimmt viel zu früh das Zeitliche gesegnet hat, entwickelte sich Robinsons Aufenthalt in der Halbfremde allmählich zu dem, was es von Anfang an hätte sein sollen: Ein Leben in Unabhängigkeit. Am Vormittag schickte er einen unterschriebenen Vertrag an eine Sprachschüler-Vermittlung zurück (eine Stelle, von der er nicht erwartet, leben zu können). Danach erhielt er einen Anruf von einer Firma, die ihn eventuell als Arbeitslosenberater einstellen möchte (was ihm gefiele, weil eine reguläre Vollzeitstelle).

Kurz darauf rief ihn eine Medien-Beobachtungsfirma an, bei der er sich letzte Woche vorgestellt hatte. Da die Firma eigentlich am Montag hätte anrufen sollen, rechnete Robinson nicht mehr damit, etwas zu hören, und schon gar nichts Positives. Unsinn! Die wollen ihn! Trotz allem und überhaupt! Am Montag um 9.00 Uhr wird Robinson in seinen Hochzeitshosen und einem dezentem Hemd im Büro sein und anfangen mit Fernsehen. Krawatte braucht er nicht mehr. Als er sich vorstellte, war er der einzige, der eine Trug. Nur T-Shirt und Jeans geht nicht. Wieder mal etwas total Neues für den Abenteurer.

Dear Robinson

It works! I am happy to tell you that I found out how to blog! I am just wondering if there’s a logout… I’ll discover it if there’s one.

It is very cold and wet here in Switzerland. It was snowing this afternoon, but the snow didn’t stay on the floor or the trees. Our cat just came in. It is at home very often. Outside it’s probably too ugly. I think that when it looks at me and does its strange noises it is always asking me where you are. But it doesn’t seem to understand my answers. Maybe that’s better so. I think our little tiger is bored all day when I am working and misses you. So do I.

There’s strange and sad music on the radio and it starts to snow again. Ruzica has disappeared somewhere in the flat. My co-habitant (is this the right word?) is having a bath because he has caught a rough cold. I am thinking about the fact, that at your place it must be warm and everything is new and interesting. At my place it’s everyday a bit the same as usual. This evening, my friend Tatjana is coming to visit me. We are going to eat Quesadillas. I have to change the music channel. I can’t listen to it anymore, it’s too stupid and emotional like those dumb Xmas-Songs. I am waiting for spring… But how to survive spring without you? So I am waiting for summer, when we can spend our time together again…

Love & Respect, Mrs Robinson

Dear Robinson

Again, I am trying to write somethin into your blog instead of writing you Emails…

Let’s just look if it works…

Love Mrs Robinson

Quizfrage: Wer arbeitet im Schichtbetrieb für CHF 16.85 die Stunde? Nein, kein illegaler Einwanderer mit McDonald’s-Vergangenheit, sondern ein Uni-Absolvent mit Berufserfahrung, nämlich Robinson. Sollte er denn die Stelle kriegen, die zwar sau-, aber wirklich saumies bezahlt ist, aber sich extrem gut in einem Lebenslauf macht. Für alle, die bisher glaubten, Robinson mache mehr Ferien als etwas anderes, soll dies ein Fingerzeig sein.

Was würde er denn tun? Robinson lässt die Frage genüsslich in seinem Kopf kreisen und will die Antwort noch ein bisschen hinauszögern, denn es ist eine Pointe, aber dann weiss er nicht mehr wie er weiter drumherum schwafeln kann und beschliesst, die sprichwörtliche Katze aus dem noch sprichwörtlicheren Sack zu lassen. Was würde er also tun? Fernsehen! Und Radio hören. Aber vor allem fernsehen. Die scheinbar angenehme Arbeit erklärt vermutlich die nicht sehr angenehme Bezahlung.

Es geht darum, die Nachrichten, aber auch Talksendungen (nein, Robinson glaubt nicht, dass das Sendungen wie: «Du Schlampe hast meinen Hund betrogen» einschliesst) und andere Informationsgefässe zusammenzufassen. So braucht er kein riesiges Vorwissen über lokale Politik zu haben; die eignet er sich zwangsläufig bei der Arbeit an. Und: Das deutschsprachige australische Radio schreibt ebenfalls eine Stelle aus. Und diese Stelle würde der Protagonist dieses Blogs leichter kriegen, wenn er bereits australische News-Erfahrung hätte. Und überhaupt bewirbt es sich leichter, wenn man schon etwas macht, das irgendwie wichtig klingt. Deshalb ist Robinson am Montag bereit, zuzusagen, wenn man ihn denn lässt.

Das Bewerbungsgespräch hat Robinson optimistisch gestimmt. Denn obwohl er den Fragebogen («Nennen Sie den Premier, den Vizepremier und den Bildungsminister ihres Bundesstaates, fünf Minister des Commonwealths mit ihren Ressorts, sowie drei Premiers anderer Bundesstaaten. Nennen Sie die Firma/Organisation, die folgende 10 Personen jeweils repräsentieren») mit sehr zweifelhaften Inhalten füllte, schien der Interviewer interessiert zu sein. Mal sehen, wehrt Robinson allzu überrissene Erwartungen ab. Übrigens soll es Jobs geben, in denen Leute für weniger als CHF 7.50 schuften…
Nun aber zu Herrn Robinsons Versprechen, auf Frau Robinsons Brief zu antworten. Ja, denkt Robinson, es ist ein Traum, den wir uns am verwirklichen sind. Und doch merkt er immer wieder, dass für ihn Zuhause ein anderer Ort ist als hier. Vielleicht liegt es daran, dass er nach wie vor wie ein Hotelgast aus dem Koffer lebt, oder dass er jeden Tag Neues entdeckt und noch immer keine Routine gefunden hat (anders als er sich geschworen hatte). Jedenfalls kann sich Robinson nicht vorstellen, für immer so weiterzuleben. Nein, daheim ist er hier nicht. Ob «nicht» im Sinne von «nicht» oder im Sinne von «noch nicht» kann Robinson noch nicht sagen. Das hängt vielleicht davon ab, wie sich seine Berufs- und Wohnsituation entwickelt. Vielleicht hat es aber auch nichts mit Job und Loge zu tun, sondern ganz einfach damit, dass er nicht in Thun ist. Dass diese Englisch-Parliererei ihn mehr ermüdet, als er geglaubt hatte. Vielleicht ist man nur dort wirklich zuhause, wo man die Kindheit verbracht hat. Oder zumindest im gleichen Postleitzahl-Kreis. Oder zumindest im gleichen Land. Oder was auch immer.

Sollte dies der Fall sein, spinnt Robinson den Faden weiter, sollte man sich nur am Ort seiner Kindheit wirklich zuhause fühlen, dann wären die zunehmenden weltweiten Migrantenströme ja eher schwierig erklärbar. Doch Robinson hat eine seiner Meinung nach originelle Theorie, warum Leute trotzdem und in zunehmendem Masse wandern. Der Kernpunkt: Die Leute wandern nicht aus, um ein neues Zuhause zu finden, sondern um später zuhause ein besseres Leben zu führen. Sie versprechen sich von einem Auslandabenteuer bessere Berufschancen und hoffen, ihr Daheim besser wertschätzen zu können, wenn sie einen anderen Ort auf der Welt gut kennen. Deshalb nahmen die Migrationsströme in den letzten Jahren so krass zu: Während die Jüngeren wegwandern, wandern die Älteren jetzt allmählich wieder zurück. Mag sein, dass viele sich bei ihrer ersten Auswanderung vornehmen, nie mehr nach Hause zurückzukehren, doch die, die nicht gerade auf der Flucht sind, wollen früher oder später einfach zurück, wenns geht. Robinson ist jedenfalls davon überzeugt, zu den Lifestyle-Migranten zu gehören. Er findet es nach wie vor richtig, den Schritt gewagt zu haben, doch mehr weils gerade Gelegenheit war, und nicht weil an seinem neuen Ort alles besser ist (einiges ist aber besser, ehrlich).

Gerade merkt Robinson, dass er gar nicht wirklich auf die Zeit-Filosofie seiner Gattin Bezug genommen hat. Er will jetzt auch nicht damit anfangen, denn dem gibt es nichts hinzuzufügen. Jedenfalls hofft er, dass auch sie noch immer vom gleichen Mut angetrieben ist, der die beiden vor einem Jahr dazu brachte, ein Abenteuer aufzugleisen. Es kommt, so findet Robinson, im Leben nicht darauf an, wo man ist, sondern mit wem zusammen. In einsamen Momenten stellt er sich vor, wie gut es doch wäre, zu zweit zu sein und einander in (und gelegentlich auch auf, aber mehr in) den Arm nehmen zu können. Vielleicht, so sein Geistesblitz, vielleicht würde er sich dann zuhause fühlen.

ruft Robinson in die nächtliche Schweiz. Denn um 01:00 pm, also um 03:00 morgens wird sich Robinson einem Medienunternehmen vorstellen. Er hat sich vorgenommen, danach etwas ausführlicher auf Frau Robinsons Worte zu antworten.

Frau Robinson sass auch wieder einmal am Computer und schrieb

„Mein lieber Robinson

Zeit ist ein komisch Ding.

Seit unserer Entscheidung im letzten Frühsommer, nicht mehr immer nur darüber zu reden, sondern unsern Traum wahr werden zu lassen, ist sovieles passiert. Während dem letzten halben Jahr haben wir die Strategie ausgearbeitet, Hochzeit gefeiert, einen Mitbewohner aufgenommen und die Wohnung seinetwegen neu verteilt. Es kam mir immer vor, als würde es noch ewig dauern, bis du weg bist. Und dann plötzlich standen wir am Flughafen – und schon hast du dich verabschiedet.

Und dann stand plötzlich für einen kleinen Moment die Zeit still – oder zumindest begann für einen kurzen Moment die Zeitlupe. So klar sehe ich vor mir, wie du dich umdrehst und davonziehst, während ich unfähig bin, zu denken oder zu fühlen, geschweige denn, mich umzudrehen und dieses Gebäude zu verlassen. Die folgenden Tage dauerten unerträglich lange. Die Zeiger an der Uhr wollten sich nicht weiterdrehen.

Ich fange an, am Ausdruck „Zeit“ herumzugrübeln und staune: Manchmal will sie kaum verstreichen, manche Momente können nicht lange genug dauern und manchmal rennt einem die Zeit davon – zum Beispiel wenn wir telefonieren, oder wenn ich weiss, ich möchte dich noch anrufen und irgend etwas hindert mich daran – und man fühlt sich, als würde man irgendwie auf der Strecke bleiben. Was will ich damit sagen? Ich weiss es selber nicht genau, ausser, dass die Zeit eines der merkwürdigsten Dinge auf dieser Erde ist. Man lebt immer nur im Hier und Jetzt, und trotzdem kann einen die Vergangenheit einholen, oder aber man kann für die Zukunft leben. Ich bin immer irgendwie mittendrin. Ich hänge an den letzten gemeinsamen Jahren, jage durch die einsame Gegenwart oder lasse sie langsam an mir vorbeiziehen und plange auf die gemeinsame Zukunft.

Irdendwo habe ich gehört, Zeit existiere gar nicht, und das kommt mir in den Sinn, wenn ich mit dir telefoniere: Deine Uhr im fernen Lande zeigt etwas komplett anderes als die meine. Wir stellen beide unsere Uhren nach der Sonne, soviel steht fest. Aber welche Zeit ist es denn auf der Sonne? Und wenn ein Australier und ein Schweizer sich dort treffen würden, welche Uhr gilt denn nun? Natürlich, lieber Robinson, sind das irrwitzige Gedanken; es geht mir nur darum, dir zu sagen, dass hier auf der kalten Seite der Erde die Zeit manchmal nicht vorbeigehen will, bis wir wieder zusammen sein können.

Viele herzlichste Grüsse ans andere Ende der Welt, wo gerade frühmorgens ist, während ich mich vorbereite fürs Zubettgehen. Die Zeit ist ein komisch Ding.“

So sinnierte Frau Robinson noch eine Zeitlang vor sich hin und fand doch nicht einmal kleine Antworten auf ihre grossen Fragen und freute sich beim Einschlafen darauf, bald oder vielleicht doch erst in weiter Zukunft wieder mit Robinson philosophieren zu können.

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