Februar 2006


Yesterday, Robinson was walking up Parramatta Road, heading for Balmain Road. He read all the street and shop signs, attempting to memorize the geography of the place. He was surprised to find that Annandale Street actually was situated in Annandale – contrasting with streets such as Parramatta Road or Balmain Road, which run through almost every suburb except for Parramatta and Balmain. So, walking up Parramatta Road, he heard a voice saying: «Excuse me, do you know where Annandale Street is?» And yes the question was directed at Robinson. He felt very proud that someone mistook him for a local, and he got even prouder when he realised that he really knew where Annandale Street is. «Just around the corner», he said, thinking this must be life’s irony that he would give street directions just hours after he thought that everyone else knew everything while he was completely ignorant.

When he arrived at Balmain Road, he headed for the Italian Forum where he would see an optometrist. But before he could enter the forum he heard a voice saying: «Sorry mate, can you tell me where Centrelink is?» «Sure mate», he replied, «it’s just there, that yellowish building, can’t miss it.» That made his day. It wasn’t that difficult to become a local after all.

Mit Freude stellte Herr Robinson fest, dass seine Frau sich mit einem E-Mail bei ihm gemeldet hatte. Er fügte den Text in sein Tagebuch ein:

Frau Robinson sass am PC. Eigentlich war sie müde, doch sie wünschte sich, ebenfalls zu bloggen. Ihr Robinson hatte ihr zwar die Zugangscodes für den Blog geliefert, doch sie verand dummerweise doch zu wenig Englisch und auch zu wenig von Internet, um wirklich zu begreifen, wo sie ihre Geschichte einfügen musste. Frau Robinson war zuerst ratlos, doch wie sie die Schreibmaschine ihrer Grossmutter zum Gehen gebracht hat, fand sie einen Weg, ihre Gedanken im Blog zu verewigen: Sie verpackte sie in ein Email und schickte dieses an ihren geliebten Robinson ans andere Ende der Welt.

„Lieber Robinson“, schrieb sie, „bitte nimm meine Zeilen in deinen Blog auf. Ich weiss, ich erlebe hier keine grossen Abenteuer in der kalten Schweiz, aber ich möchte meine Gedanken auch festhalten und meine einsame Zeit etwas nützen um mich im Internet zu verewigen – selbst wenn ich das Prinzip des Einsteigens in deinen Blog noch nicht verstanden habe.“

Und nun kam Frau Robinson auf die Geschichte mit der reparierten Schreibmaschine zurück: „Heute Mittag, als das Telefon schellte, dachte ich, du seist am Apparat. Andernfalls wäre ich gar nicht erst aufgestanden. Doch es war meine Grossmutter, die mich mit fast verzweifelter Stimme bat, ihrer Schreibmaschine das Farbband und das Korrekturband einzusetzen. Du weisst, ihre neue Occasion-Schreibmaschine macht ihr Spass und sie war in den letzten Wochen ganz verbissen daran, sich das Zehnfingersystem beizubringen. Plötzlich, irgendwann letzte Woche schrieb das gute Gerät nicht mehr. Ich sah es mir an und diagnostizierte ein aufgebrauchtes Farbband, schickte sie zur Papeterie um ein neues zu holen mit der Empfehlung auch gleich ein Korrekturband mitzubringen. Jedenfalls versprach ich meiner Grossmutter, ihr das Farbband einzusetzen.

Das war dann heute natürlich die Gelegenheit bei meinen Eltern an den Tisch zu sitzen und konnte es so umgehen für mich alleine kochen zu müssen, was mich zuweilen schon etwas traurig stimmt. Immer bleiben mir Resten für zwei Tage, von denen ich die Hälfte wegschmeisse, weil du nicht mehr mitisst.

Nachdem ich gut gegessen hatte und alle möglichen Fragen über dich beantwortet hatte, machte ich mich auf den Weg in die untere Wohnung zum Grosi. Sie war ganz aufgeregt, als ich ihr zeigte, wie man das Farbband einsetzt und noch aufgeregter, als ich feststellte, dass man ihr das falsche Korrekturband mitgegeben hatte. So schnell gebe ich aber nicht auf, wie du weisst, mein lieber Robinson. Also habe ich kurzerhand die eine noch leere Spule vom neuen Korrekturband abgetrennt und durch eine Spule des alten Bandes ersetzt. Dies klappte tiptop, doch das Farbband liess sich trotzdem nicht einsetzen und es war mir unmöglich zu schreiben. Meine Grossmutter kicherte nervös und versicherte mir, sie brauche ja das Korrekurband noch gar nicht, zumal sie noch am Lernen sei. Ich sah mir die zweite Spule an, welche eindeutig das Problem darstellte. Der kleine aufstehende Plastikkranz hinderte das Farbband einzurastern. Nicht arm an unkonventionellen Ideen beschloss ich, diesen Kranz mit der Schere abzutrennen und Grossmutter – auch nicht schüchtern – brachte mir den Nagelknipser, mit dem es sich als noch leichter herausstellte, die blöden Nöppelchen, aus denen der Kranz bestand, abzutrennen.“

Frau Robinson sah ein, dass ihr Mann sich nach diesen Worten wohl kaum vorstellen konnte, was sie genau getan hatte, doch sie wusste, dass ihre Grossmutter glücklich und zufrieden über die wieder funktionierende Schreibmaschine war. Und irgendwie fiel ihr eben diese Geschichte wieder ein, als sie die Email verfasste, die zu einem Blog werden sollte. Genau wie sie die Schreibmaschine ihrer Grossmutter ausgetrickst hatte und ihr ein richtiges Korrekturband vorgegaukelt hatte, würde sie nun ihren geliebten Mann bitten, ihre Email in einen Artikel in dessen Blog zu verwandeln und somit auch den Computer austricksen. Natürlich würde sie ihn auch noch anrufen und ihm die ganze Geschichte von Ohr zu Ohr übers Skype erzählen und sich natürlich auch den korrekten Login für den Blog erklären lassen, doch fürs erste las sie ihre Email nochmals durch und schickte sie ans andere Ende der Welt in der Hoffnung, Robinson würde ihre Worte in seinen Blog aufnehmen.

Suddenly Robinson decided to start thinking in English. He thought that would make it easier for Australians or any person of a non-German-speaking background to understand what is going on in his head. Although of course it is just because our immigrant is a fictional character, that we are able to read his thoughts in the first place. But Robinson knows he is an invention by some wannabe author, and therefore he knows that his thoughts are open to be read by anyone accessing this blog. And he doesn’t want those he presently depends on most to feel excluded, so he gives thinking in English a try.

When you move to another country, you can’t help learning new things and hence changing a part of your personality, he thinks. After a week in Sydney, Robinson already believes himself to have changed a bit. Back in Switzerland he was one of the locals. He knew what bus to catch at what time or how to look it up, he knew when to shake hands, when to kiss, when to call someone by his or her first name and when to be more formal, he knew «how the car runs», as they would say in his former country. If there was something he didn’t know, he knew who to ask and how to ask, and he understood the answer. So if people had any questions on how to handle everyday life in Switzerland, he used to boast with what he knew about it. Probably he was even a bit patronising with that, letting everyone know that he was a local and that they weren’t, that he had the pieces of information that they needed.

Robinson thinks he has now become a bit more humble, because now there are twelve year olds that can tell him how things work in their neck of the woods: They know everything about local buses. They manage to swim in the two-metre waves at Bronte Beach without getting all the salt water in their lungs. They can correctly use slang and local idioms and even explain Robinson words that, diplomatically speaking, don’t belong into a kid’s vocabulary. And Robinson is just stunned by the amount of adaptation that still lies ahead.

He asks himself, if there is a way at all to make up for his lack of local knowledge. He starts to think that, when looking for a job, he would first have to look into something that does not depend so much on local codes and knowledge. This would rule out journalism for a while. He’ll see.

Missmutig musste sich Robinson letzthin die ihm peinliche Frage stellen: Bin ich Masochist? Denn was er an sich selber beobachtete, war nicht so weit weg von dem eigentümlichen Verlangen nach Leiden, das manche zwischendurch zu verspüren glauben. Er schaute sich nämlich Erinnerungsfotos an. Und hörte dazu Mozart. Das schmerzte und brachte Robinson an den Rand der Tränen. Und trotzdem genoss er diesen Augenblick und schaute sich noch mehr Erinnerungsfotos an, und noch mehr, und noch mehr. Wie diese bemitleidenswerten Gestalten, die ausrufen: «Quäl mich, quäl mich», was ein echter Sadist nur mit einem eiskalten Nein quittieren würde. Das Nein musste sich Robinson selber geben, indem er sich überredete, an seinem Tagebuch weiter zu arbeiten.
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Zu leiden hatte unser Emigrant an diesem Tag nämlich schon genug. Während Stunden sass er in seinem durch Storen verdunkelten Zimmer. Durch zeitintensive Internetrecherche suchte er sich die ausgeschriebenen Stellen heraus und verschickte eine Bewerbung nach der anderen, und wenn er gerade keine Bewerbung verschickte, machte er ein Telefon. Er merkte, dass er mit jedem Telefongespräch ein bisschen weniger selbstsicher wirkte, begann zu stottern und meinte auf einmal, er habe sich seine guten Englischkenntnisse wohl nur eingebildet. Als die Mitglieder seiner vorübergehenden Familie zu Hause aufkreuzten, stellte er fest, dass er den ganzen Tag das Haus nicht verlassen hatte. Dabei wäre das Wetter so schön gewesen. Und während er im Haus war, hatte er nichts dafür getan, dass er hier wohnen durfte. Die Wohnung war in mehr oder weniger unbewohnbarem Zustand, mit Geschirr, Papierkram und Kleidern, die herumlagen. Und Robinson hätte den ganzen Tag gehabt, daran etwas zu ändern. Deshalb begann sich Robinson etwas nutzlos zu fühlen.

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Immerhin schaffte er es, eines der Familienmitglieder auf dem Hunde-Spaziergang zu begleiten, wo er ein paar ganz hübsche Fotos vom Hafen machen konnte. Überhaupt, zum Spazieren eignet sich Sydney ganz ausgezeichnet, fand Robinson, und kritisierte sich selber noch einmal dafür, nicht auf eigene Faust ein bisschen hinaus gegangen zu sein. Deshalb beschloss er, sich eine Tagesroutine zuzulegen, um nicht in der Einsamkeit durchzudrehen (was allerdings nicht heissen soll, er wolle lieber in Gesellschaft durchdrehen; vielmehr will Robinson gar nicht durchdrehen). In Zukunft will Robinson also den Tag mit einem Spaziergang zum Schwimmbad beginnen, um danach mit umso mehr Elan seine Sachen erledigen zu können.resize1.jpg

Inzwischen ist unser Emigrant in seiner neuen Heimat angekommen. Bei der Hitze, die dort in Sydney zur Zeit herrscht, begann Herr Robinson kurz zu zweifeln, ob es sich an seinem neuen Wohnort wirklich besser lebt als an seinem alten, oder ob er nicht besser in der winterlichen Schweiz geblieben wäre. Schnell verwarf er aber seine nutzlosen Zweifel indem er sich eine alte Weisheit in Erinnerung rief: Man vermisst immer das, was man gerade nicht hat; und wer immer gerade gerne das hätte, was er nicht hat, hält sich selber davon ab, das zu geniessen, was er hat und was er in einer anderen Situation gerne hätte, aber nicht geniessen könnte, weil er es dann gerade nicht hätte. Item, dachte Herr Robinson, er wisse was er meine, auch wenn er seinen eigenen Satz gerade nicht verstanden hatte.

Vorfahren der Robinsons hatten schon einmal in Australien gelebt; dadurch bekam unser Protagonist die Möglichkeit, sich selber zum australischen Staatsangehörigen zu machen. So fiel es ihm ein bisschen leichter, sich in ein Auswanderungs-Abenteuer zu stürzen. Erstens konnte ihn niemand davon abhalten, zweitens würden ihn ein paar Robinsons, die vor Ort sind, bei sich aufnehmen und drittens wusste er, dass er die Übung jederzeit abbrechen kann. Trotzdem, Herr Robinson vermisst Frau Robinson, die zu Hause tapfer in ihrem schwierigen Job durchhält und auf diesen einen Anruf wartet: «OK, ich habe jetzt eine existenzsichernde Arbeit, du kannst jetzt getrost Wohnung und Arbeit kündigen und zu mir kommen.»

Nun versucht sich Herr Robinson so gut wie möglich einzuleben an seinem neuen Lebensmittelpunkt. Sein Müesli ersetzt er nun durch weisses Toast mit Vegemite, manchmal auch durch Toast mit Erdnussbutter oder durch Toast mit gesalzener Butter und Orangen-Marmelade. Sein Morgenkaffee ist jetzt Schwarztee und sein Oragensaft ist Mandarinen-Mango-Saft. Daran gewöhnt er sich schnell. Die Gastfamilie Robinson, die ihn herzlich aufgenommen hat, scheint sehr gesundheitsbewusst zu sein, stellt Hans Robinson fest, als er den Text auf der Butter-Packung liest: «Salt reduced». Nur halb soviel Salz soll in dieser Butter sein, die im Bundesstaat Victoria «proudly produced» wurde. Halb wieviel? fragt sich nun aber unser Emigrant. Es könnte ja die Hälfte des natürlichen Salzgehalts gemeint sein, oder die Hälfte des hinzugefügten Salzes. Herr Robinson, der nie viel über Butterproduktion wusste, zweifelt langsam an seinem beschränkten Wissen über die Butterindustrie. Haben die Schweizer ihre Butter immer desaliniert, oder fügen nicht doch vielleicht die Australier ihrer Butter absichtlich Salz bei, manchmal etwas mehr und manchmal etwas weniger? Die Frage bleibt vorerst offen. Jedenfalls findet Robinson – unabhängig von allen gesundheitlichen Überlegungen – die Butter, die nur halb so salzig ist wie normal, ganz gut, gerade in Kombination mit bittersüsser Marmelade, aber auch mit Honig.

Auch die Bürokratie, mit der ein Einwanderer definitionsgemäss zu schaffen hat, bereitet Robinson nicht so viel Mühe wie befürchtet. Vom Alten Europa her kommend, ist er es sich gewohnt, Probleme mit der Bürokratie dadurch zu vermeiden, dass er das tut, was die Bürokraten verlangen, auch wenn die selber nicht so sicher sind, was sie verlangen. Auf einer offiziellen Checkliste teilten sie Herrn Robinson etwa mit, er solle sich eine Steuerdossier-Nummer zulegen, bevor er zu den anderen Punkten auf der Checkliste übergeht. Einer der nachfolgenden Punkte wäre dann die Eröffnung eines Bankkontos. Aber: Wer eine Steuerdossier-Nummer will, muss einen Bankkonto-Auszug vorweisen. Doch wer ein Bankkonto eröffnen will, sollte ja bereits eine Steuerdossier-Nummer haben. Doch bevor Herr Robinson in die gefährlichen Fahrwasser des paradoxen Grübelns über die Unendlichkeit der Unmöglichkeit abdriftet, ruft er sich in Erinnerung, dass er ja praktisch veranlagt ist. Er durchkreuzt das fiese Verwirrspiel der staatl. anerk. Heinis dadurch, dass er einfach ein Konto eröffnet und danach eine Steuerdossier-Nummer beantragt.